Gefühl und Ausdruck
Hi,
du studierst Germanstik?
Faust:
Die **Wechselrede** lockt es, ruft's hervor.
Helena:
So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
Faust:
Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt ...
Helena:
... wer mitgenießt.
usw. usw.
[Goethe, Faust II, 3. Akt, 9376ff]
Was du von dir als Problem beschreibst, ist recht deutlich. Aber wie und zu was dein „psychologischer Berater“ dich da motivieren will und warum er es so macht, das sollten wir hier besser nicht berurteilen, denn wir wissen es ja nur aus deinem Zitat.
Gefühle zu haben ist ja eines. Ein anderes ist, sie auszudrücken: Das ist ein extrem wichtiges Element des dialogischen Verhaltens, denn dann werden sie erst kommunikativ und interaktiv wirksam. Dabei ist es egal, ob in deutlichen direkten oder in konfliktschwangeren indirekten Signalen, und auch egal, ob in mimischer oder in verbaler Gestalt.
Es ist eine Frage der Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen. Wer es nicht tut oder nicht kann, ist in Beziehungen zerstörerisch oder ist früher oder später einsam (du deutetest es ja auch an). Gefühle nur indirekt, und dies eventuell sogar zusätzlich auch noch nonverbal, also nur mimisch, auszudrücken, ist sicher eine extreme Belastung für Beziehungen, und sicher zerstörerisch: Wenn etwa jemand miesepetrig rumschleicht und auf die Frage ‚was ist los?‘ nur ‚ach nix‘ antwortet.
Wie ginge es dir, wenn dich umgekehrt jemand strahlend anlacht und auf dein ‚??‘ nur antwortet ‚ich kanns nicht sagen‘?
Es ist also notwendig, Gefühlslagen, die ja zunächst „nur“ subjektiv sind, auf die kommunikative Ebene zu heben, um aus einer Einsamkeit eine Zweisamkeit zu machen. Dann erst beginnen sie objektiv zu werden, weil sie interaktive Realität erzeugen. Eben (siehe das Zitat oben) durch die Wechselrede.
Gefühle sind „unmittelbar“. Sie sind „da“, aber zuerst auf der Ebene eben des Fühlens. Zum Gedanken werden sie erst durch die Sprache (die auch bildlich sein mag, oder auch metaphorisch). Sie sind aber weder „wahr“ noch „falsch“ und auch weder „gut“ noch „schlecht“ - wie ein auf dem Boden liegendes Rosenblatt.
Die Sprache aber „repräsentiert“ die Gefühle nicht mehr „unmittelbar“: Die Sprache „deutet“, sie macht sie deutlich, deutbar und dadurch interaktiv wirksam. Daher kann Sprache ja auch Gefühle (beim anderen) erzeugen. Die Angst davor, Gefühle in Worte zu fassen, ist oft eine Angst davor, sie dadurch eindeutig werden zu lassen - Angst davor, „Farbe“ zu bekennen - Angst vor sich selbst, Angst vor der dadurch „manifest“ werdenden (oder auch erzeugten) Realität, und natürlich Angst vor den (interaktiven) Konsequenzen. Jenachdem ist das dann selbstzerstörerische Flucht vor der Realität, oder Lebensqualität verspielende Zimperlichkeit - oder ggf. auch schlicht Unfairness, also eine Frage des Charakters.
Nicht-Äußerung kann natürlich auch Schweigen heißen. Auch Schweigen kann ein wunderbarer und „kommunikativ wirksamer“ Ausdruck (und Erzeuger!!) von Gefühlen sein. Aber nur dann, wenn der Hintergrund, die „Atmosphäre“ dieses Schweigens eindeutig ist. Wenn das Schweigen nicht deutbar ist, wenn das „Warum“ als Rätsel dasteht und Zweifel erzeugt, wenn also der „Grund“ des Schweigens unergründbar ist, dann erzeugt es (beim anderen) auch Gefühle, aber chaotische: Die Deutung (der Gefühle des Schweigenden) wechselt dann von Stunde zu Stunde. Er wird gezwungen, permanent Deutungsarbeit zu leisten. Er kann seine eigenen emotionalen Response nicht stabilisieren …
„ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß … so schweigsam ist“
… und gerät in Ver"zweiflung", der er sich nicht entziehen kann, jedenfalls nicht, solange er sich in einer emotionalen Bindung an den Schweigenden befindet.
Schweigen kann also ein Medium euphorischer Wechselbeziehung sein, ein sprachlos-staunendes Fühlen des „wir“ - aber auch ein brutales Mittel emotionaler Erpressung.
Deshalb ist es enorm wichtig, Gefühle zum Ausdruck bringen zu können, denn der Nicht-Ausdruck ist ebenso interaktiv wirksam wie der Ausdruck. Im einen Fall bist du der Steuerer des Schiffes und erzeugst sogar die Wetterlage mit, im anderen Fall schaukelst du steuerlos im Sturm - der dann sicher auch erfolgt.
Ein ganz anderes Problem (und Thema) ist es aber, wenn jemand seine eigenen Gefühle nicht zu deuten …
„ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin …“
… oder überhaupt wahrzunehmen imstande ist oder wenn jemand nur kognitiv „registrieren“ kann, daß aktuell Gefühle „an sich“ anliegen „würden“ …
„ich fühle nichts“
Ob das bei dir so ist, läßt sich von außen aus dem von dir Gesagten nicht deutlich entnehmen.
Wo das so ist, wird das ganz sicher in der Biographie begründet und über lange Zeiträume angelegt sein. Dann wird aber eine simple verhaltenstherapeutiche Übung „lerne, deine Gefühle in Worte zu fassen“ in der Regel kaum nützen!
Je nachdem, was deine „psychologische Beratung“ mit der Aufgabe mit dir anzielt, solltest du dir aber klarmachen, daß du dich dieser Aufgabe nicht unterziehst, um dem Berater einen Gefallen zu tun oder um ihm eine folgsame Schülerin zu präsentieren. Im günstigsten Falle (den man nur hoffen kann!), will er dich zu einer Arbeit an dir selbst und mit dir selbst motivieren. Und dann macht es auch keinen Sinn, wenn du - wie hier - um eine Art Hausaufgabenhilfe nachsuchst: Du mußt das Problem alleine lösen!
Denn dann geht es um eine Gefühlsorganisation in dir selbst. Jeder Tip von anderen, fremden würde nur dazu beitragen, daß du (weiterhin?) Gefühle nur kognitiv präsentierst und organisierst.
Viel Erfolg wünscht dir
Metapher