Hallo,
ich habe gerade folgende (in meinen Ohren etwas altertümliche) Formulierung in einem Urteil gelesen, die ich auch mit Hilfe von allgemeinen Wörterbüchern nicht verstehe:
Die Beklagte wird verurteilt, an die Kläger […] zu zahlen. Die Beklagte hat die Kosten des Rechtsstreits zu tragen.
Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Der Beklagten wird nachgelassen, gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110% des jeweils zu vollstreckenden Betrages die Vollstreckung abzuwenden, sofern die Kläger nicht ihrerseits zuvor Sicherheit in derselben Höhe leisten.
Das ganze scheint eine beliebte Formulierung zu sein; man findet sie in Hunderten von Urteilen.
Ich denke, dass ich den Grundgedanken hinter der vorläufigen Vollstreckbarkeit gegen Sicherheitsleistung verstanden habe. Nach einem Laienblick in die ZPO und Wikipedia scheint mir, dass ich den Sachverhalt hier so verstehen müsste: Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, d.h. es könnte sein, dass irgendwann in der Zukunft festgestellt wird, dass die Beklagte doch nicht zahlen muss. Trotzdem können die Kläger bis zur Klärung dieser Frage (vorläufig) vollstrecken. Diese Vollstreckung kann die Beklagte abwenden, indem sie durch Sicherheiten quasi garantiert, dass sie auch in Zukunft zahlen kann, falls es bei dem Urteil bleibt. Diese Abwehr kann der Kläger wiederum zu Fall bringen, indem er selbst eine Sicherheit für die Rückzahlung leistet (falls das Urteil doch gekippt wird). Ist das soweit richtig?
Aber was bedeutet dann sprachlich „wird nachgelassen“? Es wird doch der Beklagten nichts „erlassen“ in dem Sinne, dass sie etwas nicht mehr zu tun braucht (nämlich die Vollstreckung abzuwenden)? Gibt es noch eine Bedeutung von „nachlassen“? (Oder ist das eher eine Frage für das Deutschbrett?)
Danke für die Hilfe
Andreas
Ist das soweit richtig?
Ja.
Aber was bedeutet dann sprachlich „wird nachgelassen“?
(Oder ist das eher eine Frage für das Deutschbrett?)
So ist es.
Gemeint ist so viel wie „dürfen“ oder „können“.
Levay
Ist das soweit richtig?
Ja.
Danke!
Gemeint ist so viel wie „dürfen“ oder „können“.
Ketzerische Frage: Warum modernisieren die Richter dann nicht mal ihre Ausdrucksweise? Ist die altmodische Formulierung nur eine liebenswerte Tradition oder schon Fachsprache?
Viele Grüße
Andreas
Auch Anwälte müssen so geschwollen schreiben, damit sie bedrohlicher und respekteinflössender wirken. Iss so, sagte mir Anwalt.
Ketzerische Frage: Warum modernisieren die Richter dann nicht
mal ihre Ausdrucksweise? Ist die altmodische Formulierung nur
eine liebenswerte Tradition oder schon Fachsprache?
Ich finde, „Fachsprache“ ist zu viel gesagt.
Es gibt durchaus Urteile, in denen das Wort nicht verwendet wird. Ich habe eben mal in meinen eigenen Urteilen nachgesehen, weil ich ganz ehrlich gar nicht so genau wüsste, wie ich es bislang gemacht habe. Ergebnis: mal so, mal so. Das Wort „nachgelassen“ ist so üblich, dass ich mir gar keine Gedanken mehr darum gemacht habe.
Levay
Alte Bedeutung von ‚nachlassen‘
Gemeint ist so viel wie „dürfen“ oder „können“.
Just for the record: Im Deutschbrett haben wir diese spezielle Bedeutung von „nachlassen“ in Wörterbüchern aus dem 19. Jahrhundert gefunden (später nicht mehr):
zulassen, erlauben, gestatten, zugestehen, einräumen, in bezug auf etwas nachgiebig sein: es ist nach dem gesatz nachgelassen und verwilligt, permissum est lege.
/t/der-beklagten-wird-nachgelassen/5587473/2
Andreas
Hallo!
Warum modernisieren die Richter dann nicht
mal ihre Ausdrucksweise?
Nur weil die einen unsere Sprache verkümmern lassen, müssen die anderen doch nicht aufhören, sie zu pflegen!
1 „Gefällt mir“
Hallo,
Nur weil die einen unsere Sprache verkümmern lassen, müssen
die anderen doch nicht aufhören, sie zu pflegen!
oha, ich wusste schon, warum ich meine Frage als ketzerisch gekennzeichnet habe. 
Ich bin auch gegen die Verkümmerung der Sprache, nicht aber gegen die schrittweise Weiterentwicklung und Verwandlung. Wie lange soll man bestimmte Begrifflichkeiten pflegen, wenn sie für den überwiegenden Teil der Bevölkerung schon lange tot sind? (Lustigerweise passt das von dir benutzte Wort „pflegen“ genau in das Bild des künstlichen Komas, das Pit hier gewählt hatte: /t/der-beklagten-wird-nachgelassen/5587473/2
Viele Grüße
Andreas
1 „Gefällt mir“
Huhu!
(Lustigerweise passt das von dir benutzte Wort „pflegen“
genau in das Bild des künstlichen Komas, das Pit hier gewählt
hatte: /t/der-beklagten-wird-nachgelassen/5587473/2
Ach ja? Und wieos treffe ich fast täglich auf Leute, die keine Texte mehr schreiben, sondern sie nur noch einpflegen?