Hallo Candide,
Ein schönes Gefühl ist das bestimmt, das bestreite ich nicht.
Wenn du tatsächlich davon ausgehst, das der
Kontakt zu Gott ein schönes Gefühl ist, warum versagst du es
dir dann?
Vielen Dank, lieber Gernot, für deine Antwort.
Wobei, wenn ich sie richtig verstehe, deine Antwort eigentlich
bereits die Voraussetzung meiner Frage zurückweist, und damit
meine Frage sinnlos macht (siehe den fett markierten Teil oben
im Zitat).
Verstehe ich dich richtig so?
Nein, da hast du mich vermutlich nicht ganz richtig verstanden:
Mancher Mensch hat ein ‚emotionales Defizit‘ … dieses drückt
sich in vielen Fällen (auf der Ebene eines
Vermeidungsverhaltens erster Ordnung) in Suchtverhalten aus
… welches dann (als Vermeidungsverhalten zweiter Ordnung)
mit ‚Spiritualität‘ bekämpft wird … Da dieses zweite
Vermeidungsverhalten anders als die Sucht der ersten Ebene den
Stachel des emotionalen Defizits nicht mehr spüren lässt,
lehnst du es ab?
Ich dachte ursprünglich, du wolltest sagen, das Beten könnte
an sich für jeden Menschen ein ‚schönes
Gefühl‘ sein, nachdem du es aber anscheinend hier dann doch
eingrenzt auf Menschen mit ‚emotionalen Defiziten‘ (da die
Schönheit des Gefühls beim Beten in deiner Antwort ja
scheinbar nur in der Funktion der Abwehr von erstens der Sucht
und zweitens des Defizits auftaucht), passt meine Frage
schlicht nicht mehr zur Antwort.
Oder hältst du doch eine Schönheit des Gefühls beim Gebet für
möglich, das über die reine Abwehr von Defiziten hinausgeht?
Bzw anders formuliert: Muss man jedem
Betenden eine emotionales Defizit bzw. die Substitution von
Suchtverhalten unterstellen?
Beten kann für Leute, denen es etwas bedeutet, ein schönes Gefühl sein. Das Bedürfnis zu Beten muss beim Betenden auch nicht notwendigerweise auf ein emotionales Defizit schließen lassen. Das habe ich ja gar nicht behauptet. Man kann ja auch einen schönen Rotwein oder eine Zigarre genießen, ohne dass man sich deswegen gleich dem Verdacht aussetzt, man habe ein emotionales Defizit und wolle dies damit kompensieren.
Eine Suchtgefahr geht allerdings wie von Alkohol und Nikotin auch von Religiosität aus, wie man an religiös motivierten Selbstkasteiungen bis hin zu (Selbst-)Mordattentaten sieht.
Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker oder Narcotics Anonymous setzen Gott bzw. Spiritualität gezielt als Substitutionsdroge ein. Dagegen sage ich nichts, wenn es den Leuten hilft und wenn es zu ihnen passt.
Zu mir passt das allerdings nicht:
Ich halte Gottglauben letztlich für etwas Infantiles , was in der Vorstellung von Gott, dem Vater ja auch sehr hübsch zum Ausdruck kommt. Aber wem’s gefällt, dem werde ich sein Kuscheltier natürlich nicht wegnehmen. Nur, für mich ist das nichts: Weder als Genussmittel, das ich unter Kontrolle hätte, noch als Droge, die meine anderen Süchte substituiert (also als Mittel zum Verstecken meiner emotionalen Defizite, die ich gewiss habe).
Was ich nicht möchte, ist, dass Kinder gezwungen werden suchtgefährdende Mittel zu nehmen. Ob Kinder das Genussmittel / die Droge Gott nehmen wollen, das ist allein ihre Entscheidung. Man würde sie ja auch nicht zwingen , an einem Schnuller zu nuckeln, man würde ihnen einen solchen allenfalls anbieten.
Anschlussfrage: Warum liegt dir scheinbar so viel daran, dass
der Stachel im Fleisch, also das emotionale Defizit bzw. die
Sucht als dessen Kompensation, sicht- und spürbar bleibt.
Weil ich meine, dass man möglichst die Ursachen und nicht die Symptome einer Krankheit heilen sollte.
Und: gilt dies auch (weil du Psychotherapie selbst
angesprochen hast) beispielsweise für solche
psychotherapeutischen Verfahren, deren Zielsetzung ebenfalls
nicht über das von dir kritisierte „Herumdoktern an Symptomen“
hinausgeht, oder gilt deine sehr allgemein gehaltene Aussage
nur für ein ‚spirituelles Herumdoktern‘. Falls letzteres,
warum?
Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich diese Frage richtig verstehe. Vielleicht beantwortet sie ja dennoch Folgendes:
Spirituelle Erfahrungen habe ich auch; meist unter Drogeneinfluss. Ich bin mir aber selbst in diesem Zustand immer bewusst, dass dies nur Hirngespinste sind.
Gruß Gernot