Kommentar zum Kommentar
http://www.triller-online.de/b0041.htm
Dann fieseln wir das doch auseinander:
Ich war von 1988 bis 1991 in Ministerien und Bundestag in beratender Funktion beim Statistischen Bundesamt beschäftigt. Eine meiner Grunderfahrungen von damals ist die, daß sich Langzeitprognosen in aller Regel als haltlos erweisen, da man über eine gewisse Zeitspanne nicht hinausschauen kann. Man stelle sich vor, 1950 wäre die Einwohnerzahl der Bundesrepublik für das Jahr 2000 prognostiziert worden. Seinerzeit wußte noch niemand von der Antibabypille, dem Zuzug von Ausländern, der Wiedervereinigung, der Grenzöffnung im Osten, dem Trend zur Kleinfamilie. All diese Strukturbrüche wären zwangsläufig übersehen worden. Und ähnlich problematisch ist die der öffentlichen Diskussion heute zugrundeliegende Vorausschätzung für das Jahr 2050.
Nur weil es in der Vergangenheit gewaltige Umbrüche gab, muß das für die Zukunft nicht auch gelten. Schon gar nicht aber muß die Zukunft Umbrüche bringen, die das Rentensystem entlasten. Nur weil der Treibhauseffekt noch nicht als menschengemacht bewiesen wurde, heißt das doch nicht, daß wir uns zurücklehnen können.
_Nimmmt man die Geburtenziffern von heute, ist das zweifellos richtig – wobei sich mit einer kinder- und familienfreundlichen Politik einiges ändern ließe. Aber selbst wenn dieser Trend anhält, hätte das bei weitem nicht die Folgen, die von der Politik an die Wand gemalt werden. In der öffentlichen Debatte wird so getan, als müßte die erwerbsfähige Bevölkerung zwischen 20 und 60 Jahren nur die Älteren, sprich die über 60jährigen, versorgen. Daß auch Kinder und Jugendliche zu ernähren sind, wird einfach ausgeblendet. Fakt ist: Die Anzahl der Älteren nimmt zu, gleichzeitig geht aber auch die Anzahl der Jungen zurück, wodurch sich wieder Finanzspielräume ergeben würden. Bezieht man die Jungen in die Betrachtung ein, dann stellt sich die Situation im Jahr 2050 nicht annähernd so dramatisch dar, wie behauptet.
Mal ganz davon abgesehen, daß ein Kind nicht so viel kostet wie ein Rentner: Wenn derzeit genauso viele Kinder nachwachsen würden wie Rentner hinzukommen, hätten wir das Problem nicht. Und weil soviel nicht nachwächst, wird in Zukunft nicht soviel wegfallen, d.h. die Entlastung fällt bei weitem nicht so groß aus, wie die Belastung.
Zumal dann nicht, wenn man den Faktor Arbeitszeit berücksichtigt. Wenn es 2050, wie prognostiziert, tatsächlich einen Arbeitskräftemangel gibt, dann ist absehbar, daß sich das Renteneintrittsalter bis dahin erhöht haben wird, wodurch die Zahl der »Versorgungsfälle« im hohen Alter geringer ausfallen würde. Die gängigen Langzeitprognosen gehen dagegen von demselben Renteneintrittsalter wie heute aus – eine Milchmädchenrechnung.
Wenn das Rentenalter in der Vergangenheit so angestiegen wäre, wie die Lebenserwartung, würden wir heute schon bis 80 arbeiten. Wenn ich mich irre, liegt eine der Errungenschaften unserer Zivilisation darin, daß wir nicht mehr rund um die Uhr und ein Leben lang arbeiten müssen, um unsere Nahrungsversorgung zu sichern. Wenn man als Arbeitszeit Lebenserwartung - 5 Jahre Rente festlegt, frage ich doch ganz einmal nach dem Sinn der ganzen Plackerei. In Zukunft 60 Jahre ackern für 5 Jahre Rente? Das kann wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluß sein.
Lediglich für den Fall, daß die Versorgung der Gesellschaft durch die nachwachsenden Generationen nicht mehr gewährleistet ist, wie das laut Statistik in wenigen Jahrzehnten der Fall sein könnte. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit müßte dagegen über eine gerechtere Verteilung der Arbeit nachgedacht werden.
Sinnloses Geschwafel.
Das Horrorszenario Demographie steht immer dann hoch im Kurs, wenn es darum geht, Kürzungen im Sozialbereich, etwa bei der Rente oder im Gesundheitswesen, vorzunehmen. Es wird bei der Rente aber nicht deshalb gekürzt, weil wir in 50 Jahren mehr alte Menschen zu versorgen haben, sondern weil heute die Rentenkassen leer sind. Das Argument der Demographie wird, so vermute ich, von der Politik lediglich vorgeschoben, um von den aktuellen Problemen abzulenken und eine Rechtfertigung für Sozialkürzungen zu haben.
Richtig, wobei hier auch die steigende Produktivität ins Spiel kommt.
Die Produktivität war in einigen Branchen Ende der 90er Jahre sogar rückläufig, einmalig in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Anstieg der Produktivität seit 2000 ist im wesentlichen auf den Rückgang des Krankenstandes zurückzuführen. Mal abgesehen davon, daß es hier eine natürliche Grenze gibt, ist nicht zu erwarten, daß sich dieser Trend der gesundenden Arbeitsbevölkerung bei einem steigenden Durchschnittsalter der Arbeitsbevölkerung aufgrund steigender Lebensarbeitszeit eher nicht zu erwarten.
Wir werden aufgrund der fortschreitenden technologischen Entwicklung im Jahr 2050 deutlich produktiver arbeiten als heute. Die Herzog-Kommission geht von einer Steigerung von 84 Prozent, die Rürup-Kommission sogar von 140 Prozent aus.
Intreressant, daß er hier langfristigen Prognosen glaubt, die einerseits aufgrund der Entwicklung in den letzten zehn Jahren kaum begründet erscheinen und andererseits genau den gleichen Unwägbarkeiten unterliegen, wie die Prognosen bzgl. der Bevölkerungsentwicklung, die er oben noch komplett verworfen hat.
Wenn die Beschäftigten an diesem Fortschritt durch steigende Löhne Anteil nehmen werden, dann wäre 2050 jeder Beschäftigte in der Lage, sogar mehr Geld für Rentner und Kinder abzugeben als heute, ohne kürzer treten zu müssen. Auch dieser Aspekt wird in der Debatte schlichtweg ausgeklammert.
Das wird nicht ausgeklammert, sondern ist in den Rentenmodellen berücksichtigt.
Es ist schon seltsam, wie unbeirrt Bosbach seine Thesen vertritt. Im Netz lassen sich x Veröffentlichungen finden, in denen er aber komischerweise als einziger seine Thesen vertritt. Daß er im Unrecht sein könnte, weist er schlicht und ergreifend von der Hand.
Ist der mit Dir verwandt?
Gruß,
Christian_