Hallöle zum Letzten!
Ich vermute, den Quelle-Katalog kanntest du bis zur Wende
nicht? Ein Großteil der Klamotten wurden im Osten hergestellt.
Ja, es gab sogar eine eigene Nähmaschinenproduktion.
Ob ohne die Erfindung des Elektronenstrahlmikroskops eine so
dolle Entwicklung im Westen möglich gewesen wäre?
Ursprung M. v. Ardenne 1937
Ist das ne Anspielung auf den VW-Motor im Trabbi?
Der Trabi ist ein wunderbares Beispiel für die „Leistungsfähigkeit“ einer Planwirtschaft. Aber daran dachte ich nicht einmal. Es gab zahllose Industrieprodukte, die in Ostblockländern kopiert wurden, ohne daß es dafür jemals Lizenzen gab, ob es Fräsmaschinen von Deckel oder Oszilloskope von Tektronix waren.
Ich empfehle, ein beliebiges, noch nicht saniertes Gebäude aus DDR-Zeiten zu betreten und genauer hinzusehen. Ob Wasserhahn oder Fenstergriff, es ist durch die Bank unbrauchbarer Schrott. Das ist die schlichte Folge fehlenden Wettbewerbs. Ein Wettbewerber hätte Armaturen an den Markt gebracht, die eben nicht nach erster Benutzung hinüber sind. Ich spotte gelegentlich, daß die DDR an fehlenden Schrauben zugrunde ging. Wenn Du schon mal in so einem nicht sanierten Gebäude bist, sieh Dir die Schrauben an beliebigen Gegenständen an. Guck Dir einfache Holzschrauben an. Man brachte es nicht fertig, so einen Artikel aus geeignetem Stahl mit dem Schlitz in der Mitte des Kopfes herzustellen. Es gab eben keine brauchbaren Qualitätskontrollen (schließlich mußte der VEB XY jeden Mitarbeiter nehmen und konnte niemanden wegen Unfähigkeit vor die Tür setzen) und es gab keinen Wettbewerb, der die Pfuscher vom Markt gefegt hätte.
Du redest von Unternehmen ohne Risiko durch Planung. Das ist ein Widerspruch in sich. Da hat jemand eine Produktidee. Ich nehme mal wieder die Schraube, weil ich weiß, welchen verrückten Mangel es diesbezüglich gab. Wer sich z. B. eine besonders zähe Spax-Schraube an Stelle der butterweichen Holzschrauben einfallen läßt, geht das Risiko ein, daß der Markt das Produkt nicht wie gewünscht annimmt. Jede Innovation ist mit Risiken behaftet und es muß jemand da sein, der das Risiko eingeht. Wer das Risiko nicht will, aber dafür risikolos planen will, muß andere die Entwicklung machen lassen und läuft als Nachahmer der Entwicklung hinterher. Innovationen können nur aus dem Betrieb selbst kommen, nicht von außen. Von außen kann es nur Vorgaben geben, soundsoviel Altbekanntes zu produzieren. Eine Planwirtschaft plant von außen in die Betriebe hinein und kann naturgemäß nur Dinge planen, die man kennt.
Noch einmal zu den Schrauben: Mein Hobby bringt es mit sich, daß ich mit Handwerkersmeistern, die die DDR-Zeit mit ihren Betrieben irgendwie überstanden, ins Gespräch komme. Ich weiß deshalb recht gut, wie die Sache mit den Plänen lief. Ein selbständiger Tischlermeister mußte eine bestimmte Stückzahl von z. B. Schreibtischen und Kleiderschränken abliefern. Er bekam Bescheid, wieviele dieser 08/15-Dinger er im nächsten Jahr zu bauen hatte. Verbleibende Zeit durfte der Meister für eigene Aufträge verwenden, sofern er irgendwo Material ergattern konnte, was eigentlich nicht möglich war, weil der Plan kein weiteres Material vorsah.
Der Tischlermeister erzählte mir, er sei gleich nach der Wende in den Westen auf eine Handwerksmesse gefahren und kaufte sich ein Paket Kreuzschlitz-Holzschrauben und einen elektrischen Schrauber. So etwas gab es in der DDR nicht. Dafür gab es abenteuerliche Lederkonstruktionen, die sich der Tischler über seine Hand zog, um hunderte Schrauben per Handschraubendreher ins Holz zu würgen.
Soetwas kann in einer Wirtschaft, in der jeder Unternehmer selbst entscheidet, was er macht, auch passieren. Bis jemand die Primitivlösung sieht, sich eine passende Lösung einfallen läßt, ins Risiko steigt und an den Markt geht. Risiko und Unternehmertum gehören also untrennbar zusammen. Planwirtschaft versucht eine Trennung vom Risiko, die tatsächlich eine Trennung von der Innovation ist.
Ich halte in diesem Zusammenhang rein nichts von Theorien. Es reichen mir mein Verstand und was ich sehe. Und ich verstehe, daß niemand von außen sinnvoll in einen Betrieb und seine Entscheidungen hineinregieren kann und ich sehe, was andernfalls dabei heraus kommt: Müll.
Ich sehe aber auch den Frust vieler Menschen hier im Osten. Viele wurden nach der Wende von halbseidenen Gestalten untergebuttert und tragen heute noch daran. Mieten waren früher ein Trinkgeld (entsprechend sahen die Häuser aus) und heute ist die Miete der größte Einzelposten im durchschnittlichen Haushalt. Wer z. B. vor der Wende eine Ausbildung als Autoelektriker machte, kannte Trabant und Wartburg und muß heute dankbar sein, wenn er als Lagerarbeiter einen Job findet und dafür täglich 200 km Arbeitsweg hat. Diese nachvollziehbar Unzufriedenen bilden das Reservoir, aus denen Rattenfänger und Ideologen schöpfen. Dabei bedient man sich der gleichen Methoden, die auch Anhänger diverser Glaubensrichtungen zelebrieren: Sie beschwören den nahenden Crash.
Gruß
Wolfgang