Wie kann ich jemandem eine Depression erklären?

Hallo,

Das Wort „egoistisch“ hat einen so schlechten Ruf, daß man
automatisch Widerspruch erntet, wenn man etwas als egoistisch
bezeichnet. „Egoistisch“ heißt aber zunächst einmal nur, daß
man etwas für sich tut und nicht für andere.

Es fällt mir schwer, mir einen Selbstmord vorzustellen, mit
dem man nicht seine eigenen Interessen verfolgt, auch wenn
diese Interessen möglicherweise einer kranken Seele
entspringen.

Eben. Deshalb finde ich „egoistisch“ auch eine seltsame Kategorie für einen Suizid.

Was bringt es denn, festzustellen, dass Suizid ein egoistischer Akt ist? Glaubt irgendjemand, man bringe sich im Interesse der anderen um? Wozu soll die Feststellung dienen, wenn nicht dazu, mitzuteilen, dass es unfreundlich und rücksichtslos ist, sich umzubringen - also doch als Vorwurf?

Anja hat oben doch sehr sprechend beschrieben, wie das Erleben vor dem Suizid sein kann. Was nützt es, in dieser Situation festzustellen, dass das egoistisch ist? Nichts.

Dem Krebspatienten, der verzweifelt nach irgendeiner Art sucht, seine Schmerzen loszuwerden, sagt auch niemand, dass das egoistisch sei und u.U. eine ziemliche Belastung für die Familie.

Natürlich entfaltet ein Suizid(versuch) eine gewaltige Wucht, und natürlich ist das vermutlich oft auch Sinn der Sache. Und?

Viele Grüße,

Jule (nein, eine andere!)

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Hallo!

Allein die Überlegung, dass es bessere oder schlechtere
Suizidanten geben soll, finde ich äußerst fragwürdig.

Es geht hier nicht um besser oder schlechter, sondern um unterschiedliche Motivationen. Es gibt eben denjenigen, der wirklich sterben will, und denjenigen, der (unterbewusst / unbewusst) damit sein Umfeld beeinflussen will. Das erkennt man häufig an der Wahl der Methoden: Der eine schießt sich in den Kopf. Der andere ninmmt eine halbe Schachtel Schlaftbletten. Beide dürften aber davon überzeugt sein, daß sie wirklich sterben wollten.

Im Fall des gewollten Nichtgelingens sind diese „Hilferufe“
doch letztlich positiv zu betrachten

Ja und nein. Es ist ein Aufruf an andere , etwas zu tun. Das kann positiv sein, wenn derjenige in der Folge erkennt, daß ihn andere zwar unterstützen können, er sich aber selbst helfen muss. Es ist negativ, wenn sich derjenige einzig und allein die Rettung von anderen erwartet und sich quasi „hängen“ lässt. Bis hin zu Situationen, in denen Selbstmordversuche nicht helfen, sondern Teil der negativen Gesamtsituation sind.

Dazu eine kleine wahre Fallgeschichte: Die Mutter einer jungen Frau leidet seit Jahren an psychischen Problemen. Immer wieder kommt es zu Selbstmordversuchen, durchschmittlich zweimal im jahr. Die ganze Familie kümmert sich darum, daß es der Mutter gut geht. Speziell die Toichter stellt eigene Interessen zurück, um sich um die kranke Mutter zu kümmern. Kaum passt die Familie mal nicht auf (weil zum Beispiel die Tochter verreist ist), hat die Mutter schon wieder den nächsten Selbstmordversuch unternommen. Positiver Hilferuf? Mitnichten. Die Selbstmordvrersuche enden erst als die Tochter eine Therapie beginnt, und der Mutter erklärt, daß sie nicht mehr für sie da ist und sie beim nächsten Selbstmordversuch auch nicht mehr retten wird. –

  • aber unter
    anderen Umständen.

Oder auch nicht: Der Selbstmord dient als stabilisierendes Element der negativen Gesamtsituation.

Damit gestehst Du dem Depressiven psychische und kognitive
Fähigkeiten zu, die er oft gar nicht mehr besitzt.

Hier geht es nicht um bewusste, kognitiv gesteuerte Handlungen. Auch ein Depressiver kann unbewusst sehr starke Motive haben.

… Und wer will
beurteilen, ob es nur ein „Versuch“ oder ein „Vollzug“ sein
sollte, der den Menschen zu dieser Handlung bewegt hat?

Wissen kann man es nie, aber es gibt durchaus Indizien in der Gesamtsituation, die darauf hindeuten.

Egoistisch bleibt das Verhalten dennoch.

Nein. Es ist krank.

Das schließt Egoismus nicht aus. Gerade Kranke können sich unbewusst sehr egoistisch verhalten. Sich dieser Ich-Bezogenheit bewusst zu werden, ist dann Teil des Heilungsprozesses.

Da ist auch kein Platz mehr für
Gefühle und Spekulationen darüber, wie es den Angehörigen nach
seinem Ableben geht.

Also genau das, was Jule mit dem Wort „Egoismus“ beschreibt: Eine Situation, in der nur noch das eigenene Erleben wahrgenommen wird.

Wie ich schon im anderen Posting geschrieben habe: „Egoismus“ hat einen schlechten Ruf. Vermutlich verbindest Du damit so etwas wie „bewusste, absichtliche Ich-Bezogenheit“. Menswchen können aber unbewusst egoistisch handeln. Ich würde sogar sagen: Der meiste Egoismus läuft unbewusst ab.

Gruß,
Max

Hallo!

Was bringt es denn, festzustellen, dass Suizid ein
egoistischer Akt ist?

Manchmal ist das der Beginn des Heilungsprozesses.

Glaubt irgendjemand, man bringe sich im
Interesse der anderen um?

Das kann durchaus sein. Genauso wie die Vorstellung, zum Selbstmord durch die Umstände „gezwungen“ zu sein, also gar nicht „schuld“ zu sein. Es hilft, demjenigen seine eigene Freiheit und Verantwortung bewusst zu machen - manchmal auch über das drastische Wort „Egoismus“, weil es Widerspruch und damit auch Denkprozesse auslösen kann.

dass es unfreundlich und
rücksichtslos ist, sich umzubringen

Ich finde es weder unfreundlich noch rücksichtlos. Jeder Mensch aht die Freiheit, über sein Lebem selbst zu entscheiden. Es ist einzig und allein seine eigene Angelegenheit - eben ein „egoistischer“ Akt in dem Sinne, daß es nur um ihn geht.

Gruß,
Max

Hallo Anja,

letzten Endes beschreibst du mit deiner eindrucksvollen (keine Ironie!) Schilderung mit viel besseren Worten das, was ich als „egoistische Handlungsweise“ formuliert habe. Mir ist beim Lesen deines Posts bewusst geworden, dass ich wohl den Eindruck erweckt habe, das Verhalten als schuldhaft zu beurteilen. Das tue ich aber keineswegs, mir ist der Krankheitsaspekt einer Depression sehr wohl bewusst.

Im Vorfeld komme ich jedoch nicht umhin, die Diagnose „Depression“ nicht unhinterfragt als gegeben anzunehmen. Nach meiner Erfahrung wird mit dem Begriff ähnlich inflationär umgegangen wie mit dem der „posttraumatischen Belastungsstörung“ - vor allem dann, wenn sie vom Betroffenen selbst gestellt wurde. Gerade hier im Forum lese ich öfter von „Depressionen“, die nach meiner Einschätzung ganz andere Störungsbilder sind. An diesen wird fatalerweise aber nie gekratzt, weil die „Depression“ als ausreichende Erklärung funktioniert.

Und hier sind wir an diesem Punkt:

Aber nicht, weil er die Gefühle anderer verletzen will (es mag Fälle geben, wo ein Suizid dazu dienen soll, „es den anderen mal zu zeigen“, aber da spielt noch eine andere Störung hinein)…das ist aber nicht die Depression allein, die diese Idee verfolgt.

Wie du schreibst, sind Menschen mit Depressionen nicht oder kaum in der Lage, die Auswirkungen ihres Handelns auf andere zu beurteilen.

Im Fall des gewollten Nichtgelingens sind diese „Hilferufe“ doch letztlich positiv zu betrachten, immerhin will der Proband es noch weiter versuchen mit dem Leben - aber unter anderen Umständen.

Wenn er Hilfe möchte, kann er die auch auf anderem Weg bekommen. Und wenn der einzige Weg über einen vorgetäuschten Selbstmordversuch führt, besteht hier in meinen Augen ebenfalls eine ganz andere Problematik als die einer Depression. Und hier greifen häufig sehr wohl manipulative Verhaltensmuster.

Und wer will beurteilen, ob es nur ein „Versuch“ oder ein „Vollzug“ sein sollte

Ich habe als Rettungshundeführerin öfter mal Menschen gefunden, die sich nur ein bisschen die Arme geritzt oder eine nicht letale Dosis Medikamente genommen hatten, aber dennoch zu Tode kamen, weil sie z.B. durch einen plötzlichen Temperatursturz erfroren sind, eine Magenblutung bekamen oder mit einem anaphylaktischen Schock reagierten.

Egoistisch bleibt das Verhalten dennoch.

Nein. Es ist krank.

Schließt sich das aus? In meinen Augen nicht. Auch Kleinkinder verhalten sich egoistisch, weil sie aufgrund ihrer Entwicklung noch nicht anders können. Das ist ebenso wenig schuldhaft - aber dennoch existent.

Schöne Grüße,
Jule

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Hallo Jule, hallo Anja!

letzten Endes beschreibst du mit deiner eindrucksvollen (keine
Ironie!) Schilderung mit viel besseren Worten das, was ich als
„egoistische Handlungsweise“ formuliert habe.

Ich wollte gerade noch ein PS auf mein Posting setzen, in dem ich das auch schreiben wollte. Jule war aber schneller.

Ich habe eure Postings nochmal gelesen: Ihr beschreibt beide tatsächlich das selbe - Anja aus der (eingeschränkten) Sicht des Kranken, Jule aus einem übergeordneten Blickwinkl.

Natürlich kann der Kreanke in diesem Augenblick gar nicht anders handeln als er handelt - das ist gerade Teil der Krankheit. Er ist aber auf Dauer auch der einzige, der an diesem Zustand etwas ändern kann.

Gruß,
Max

Hallo,

Was bringt es denn, festzustellen, dass Suizid ein
egoistischer Akt ist?

Manchmal ist das der Beginn des Heilungsprozesses.

das kann ja gut sein. Aber findet das am besten hier im Forum statt? Klar, wenn jemand hier im Forum fragt… Trotzdem, ich finde, das ist nicht der richtige Rahmen.

Es hilft, demjenigen seine eigene
Freiheit und Verantwortung bewusst zu machen - manchmal auch
über das drastische Wort „Egoismus“, weil es Widerspruch und
damit auch Denkprozesse auslösen kann.

Ich denke, das ist die klassische Das-Glas-ist-halb-voll-oder-halb-leer-Geschichte. Sicher, wer in einer Depression steckt, muss seine Handlungsfreiheit wiederentdecken - aber auch wiedergewinnen, denn sie ist durch die Depression ja tatsächlich eingeschränkt. Aber die Außenstehenden (bei der UP wohl der Freund) müssen irgendwie begreifen, dass der Handlungsspielraum und die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sind und die Depression nicht nur Anstellerei ist.

Ich reagiere da so empfindlich, weil es so heikel ist. Natürlich muss derjenige selbst - aber mit Unterstützung! - den Dreh finden. Aber es scheint für viele Menschen unglaublich schwer zu begreifen zu sein, dass das nicht nur eine Frage des Wollens ist. Bzw. dass das Wollen krank ist und es nicht einfach mit ein bisschen Entschlusskraft geht.

Viele Grüße,

Jule

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Hallo Jule, Anja, Max,

Ich habe eure Postings nochmal gelesen: Ihr beschreibt beide
tatsächlich das selbe - Anja aus der (eingeschränkten) Sicht
des Kranken, Jule aus einem übergeordneten Blickwinkl.

da muss ich jetzt doch noch anmerken, dass logischerweise auch der „übergeordnete“(*) Blickwinkel auf andere Weise eingeschränkt ist. Wie das mit der Perspektive eben so ist.

(*Ich finde, da hast Du ein etwas unglückliches Wort erwischt, es klingt etwas nach Hierarchie. Ich vermute, das hast Du damit nicht gemeint.)

Viele Grüße,

Jule

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Hi Jule,

Im Vorfeld komme ich jedoch nicht umhin, die Diagnose
„Depression“ nicht unhinterfragt als gegeben anzunehmen.

Gut - das war ja die Vorgabe aus dem UP.

Nach meiner Erfahrung wird mit dem Begriff ähnlich inflationär
umgegangen wie mit dem der „posttraumatischen
Belastungsstörung“ - vor allem dann, wenn sie vom Betroffenen
selbst gestellt wurde. Gerade hier im Forum lese ich öfter von
„Depressionen“, die nach meiner Einschätzung ganz andere
Störungsbilder sind. An diesen wird fatalerweise aber nie
gekratzt, weil die „Depression“ als ausreichende Erklärung
funktioniert.

Da stimme ich Dir ohne jede Einschränkung zu.

Im Fall des gewollten Nichtgelingens sind diese „Hilferufe“ doch letztlich positiv zu betrachten, immerhin will der Proband es noch weiter versuchen mit dem Leben - aber unter anderen Umständen.

Wenn er Hilfe möchte, kann er die auch auf anderem Weg
bekommen.

Das ist aber ein Problem. Hilfe wollen ist die eine Seite der Medaille, nicht mehr daran zu glauben, dass es noch Hilfe gibt, die andere.

Und wenn der einzige Weg über einen vorgetäuschten
Selbstmordversuch
führt,

Stop! Davon war hier (von mir jedenfalls) nicht die Rede!
Allein die Unterscheidung von „gelungenen“ (also ernst zu nehmenden - nach Deiner Definition) und „misslungenen“ Suiziden (also „-Versuchen“, Hilfe rufenden, nicht ernst zu nehmenden, was die Konsequenz betrifft)ist schon ein waghalsiger Gedankengang.

Unabhängig davon, dass es Untersuchungen gibt, wonach Frauen bei Suiziden (oder -Versuchen - das werde ich jetzt nicht jedesmal dazu schreiben) eher „sanftere“ Mittel wählen (Medikamente z.B.), Männer dagegen die „aggressiveren“ Varianten wählen ist wohl klar, dass die Chancen der letzteren größer sind, was das Gelingen betrifft. Medikamente sind für Laien allerdings in ihrer Dosierung schlecht einzuschätzen und wer nach 50 Tabletten Lexotanil nach zwei Tagen aufwacht, kann es kaum glauben, das überlebt zu haben.

besteht hier in meinen Augen
ebenfalls eine ganz andere Problematik als die einer
Depression. Und hier greifen häufig sehr wohl manipulative
Verhaltensmuster.

Allerdings - deshalb sind diese Bemerkungen völlig unangebracht.

Und wer will beurteilen, ob es nur ein „Versuch“ oder ein „Vollzug“ sein sollte

Ich habe als Rettungshundeführerin öfter mal Menschen
gefunden, die sich nur ein bisschen die Arme geritzt oder eine
nicht letale Dosis Medikamente genommen hatten, aber dennoch
zu Tode kamen, weil sie z.B. durch einen plötzlichen
Temperatursturz erfroren sind, eine Magenblutung bekamen oder
mit einem anaphylaktischen Schock reagierten.

Naja, das hake ich jetzt mal unter „Quatsch“ ab - zumindest in Hinsicht auf die Frage, was Depressive betrifft - aber ähnliches hast Du ja selbst oben erwähnt, deshalb verstehe ich diesen Schlenker jetzt nicht.

Vielleicht waren da kleine Borderliner unterwegs oder einfach hysterische Persönlichkeiten oder was auch immer - aber da entferne ich mich von meinem Wissen.

Gute Nacht,
Anja

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Hallo Jule!

Sicher, wer
in einer Depression steckt, muss seine Handlungsfreiheit
wiederentdecken - aber auch wiedergewinnen, denn sie ist durch
die Depression ja tatsächlich eingeschränkt. Aber die
Außenstehenden (bei der UP wohl der Freund) müssen irgendwie
begreifen, dass der Handlungsspielraum und die
Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sind und die Depression
nicht nur Anstellerei ist.

Natürlich. Wer einem Depressiven unterstellt, er stelle sich nur an, hat von dessen Situation nichts begriffen. Genauso gefährlich ist es aber, wenn der Depressive auf eine Ich-bin-so-arm-ich-bin-so-krank-da-kann-ich-nichts-ändern-Schiene gerät. Das ist eine Gratwanderung der Begrifflichkeiten.

Aber es scheint für viele Menschen
unglaublich schwer zu begreifen zu sein, dass das nicht
nur eine Frage des Wollens ist.

„Wollen“ ist ohnehin ein schwieriger, vielschichtiger Begriff. Auf der einen Ebene betrachtet will der Depressive gesund werden - auf der anderen Ebene will er genau das nicht, weil das einen schmerzhaften Prozess für ihn bedeutet. Deswegen ist es immer schwierig zu sagen, jemand will dies oder das. Und deswegen ist es in der Tat keine Frage des Wollens - und gleichzeitig dennoch eine Frage des Wollens, nur auf einer anderen Ebene.

Liebe Grüße,
Max

Hallo!

(*Ich finde, da hast Du ein etwas unglückliches Wort
erwischt, es klingt etwas nach Hierarchie. Ich vermute, das
hast Du damit nicht gemeint.)

Genauso ist es. Ich habe kein besseres Wort gefunden. Vielleicht „Innensicht“ und „Außensicht“?

Es geht doch darum: Der Depressive ist handlungsunfähig - aber gleichzeitig auch der einztige, der an dieser Situation ezwas ändern kann. Also handlungsunfähig und einzig handlungsbefähigt zugleich.

Gruß,
Max

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Hallo Jule

Deine Beiträge zum Suizid.

Ich rede von echten Suiziden, nicht von vorgetäuschten!

Deine Beiträge sind lediglich DEINE eigene persönliche Meinung.

Sie sind keinesfalls Experten antworten die für alle „egoistischen Selbstmörder ohne soziale Kontakte“ gelten!

Sie sind weder allgemeingültig und zudem unpassend und sehr verletzend.

Deine Beiträge sind lediglich deine persönliche Meinung mehr nicht

Ob und wie du im Rettungsdienst tätig warst ist hier völlig irelevant.

Sie sind zudem für Betroffene taktlos und sehr schmerzhaft.

Ich glaube du bist nicht mal ansatzweise in der Lage, nachzuvollziehen was ein Selbstmörder empfindet.

Kennzeichne einfach zukünftig Deine Kommentare als DEINE PERSÖNLICHE MEINUNG- und stelle sie nicht als das non plus ultra dar

Gruß

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Hallo Sin!

Ich rede von echten Suiziden, nicht von vorgetäuschten!

Ich finde es extrem verletztend für die Betroffenen, wenn Du das, was Jule beschreibt, als vorgetäuscht bezeichnest! Als ob die Leute das bewusst und aus böser Absicht heraus machen. Davon ist und kann aber überhaupt keine Rede sein. Wir reden hier von Menschen mit einer massiven psychischen Erkrankung und deren unbewussten Motiven. Nicht weniger. Wenn Du das als „vorgetäuscht“ abtust, dann bist Du auf dem Holzweg. Jeder Selbstmord ist aus der Innensicht von dem Betroffenen sehr ernst gemeint.

Deine Beiträge sind lediglich DEINE eigene persönliche
Meinung.

Ich kann dir versichern, daß wir im Psychologiestudium das ähnlich differenziert betrachtet haben.

Sie sind weder allgemeingültig und zudem unpassend und sehr
verletzend
.

Hast Du eigentlich dieses Posting von Jule gelesem:

/t/wie-kann-ich-jemandem-eine-depression-erklaeren/6…

ZITAT: „Mir ist beim Lesen deines Posts bewusst geworden, dass ich wohl den Eindruck erweckt habe, das Verhalten als schuldhaft zu beurteilen. Das tue ich aber keineswegs, mir ist der Krankheitsaspekt einer Depression sehr wohl bewusst.“

Gruß,
Max

PS:
Hier ein Link zu einer Seite der Universität Zürich.

http://socio.ch/health/suizid02.htm#1.3.

=============
ZITAT:

1.3. Vollendeter und versuchter Suizid

Bei der Auseinandersetzung mit Suizid ist die Unterscheidung zwischen vollendetem und versuchtem Suizid notwendig, denn nicht hinter jedem Suizid muss die Idee stehen, sich endgültig das Leben zu nehmen.

Wird ein Suizid als Appell an die Mitmenschen geplant und bewusst so ausgeführt, dass er scheitert, wird von einer parasuizidalen Geste gesprochen. Die Suizidmethoden sind weich: Tabletten-oder Drogeneinnahme, Ritzen an den Handgelenken.

==========

So etwas als „vorgetäuscht“ abzutun, wird den massiven psychische Problemen, die hinter so einem Selbstmordversuch stehen, einfach nicht gerecht.

Gruß,
Max

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Hi Denker!

Du hast meine Antwort leider nicht ansatzweise verstanden.

Jule schrieb:

Das unterscheidet übrigens in der Regel Selbstmörder von denen, die es :nur versuchen: Letztere wollen meist ganz bewusst betimmte Gefühle und :Gedanken bei den Hinterbliebenen ins spe auslösen. Sie erhoffen sich :dadurch Reaktionen, die ihr eigenes Leben verbessern. Auch das ist :egoistisch, aber zudem manipulativ und berechnend.

MEIN Posting bezog sich nur auf Menschen die sich tatsächlich umgebracht haben NICHT auf Menschen die es versucht haben!

und um Jules pauschale Aussagen zu Selbstmördern:

Dieser Mensch ist offenbar auch in sozialen Beziehungen gescheitert.

Ein Selbstmörder interessiert sich nur für sich selbst und seine :Qual. Das bedeutet nicht, dass er deswegen nicht zu bedauern wäre. :Egoistisch bleibt das Verhalten dennoch.

Menschen lassen sich nicht in Schubladen packen. Jeder Mensch ist ein Individuelles Wesen.

Darum ging es mir.

Ich hoffe ich habe mich halbwegs verständlich ausgedrückt.

Gruß

Lies bitte meine Antwort an Dich

Hallo Max,

Natürlich. Wer einem Depressiven unterstellt, er stelle sich
nur an, hat von dessen Situation nichts begriffen. Genauso
gefährlich ist es aber, wenn der Depressive auf eine
Ich-bin-so-arm-ich-bin-so-krank-da-kann-ich-nichts-ändern-Schiene
gerät. Das ist eine Gratwanderung der Begrifflichkeiten.

Ja, Zustimmung! Leider betrifft die Gratwanderung ja nicht nur die Begrifflichkeiten, sondern auch die Einstellung. Für manche Depressive ist es auch ein wichtiger Lernprozess, sich überhaupt zuzugestehen, krank und dadurch weniger leistungsfähig zu sein. Andere (und vielleicht sind das eher die Menschen, die einem mit ihrer Depression auffallen) müssten sich von ihrem Kankseins-Selbstbild eher verabschieden.

Aber es scheint für viele Menschen
unglaublich schwer zu begreifen zu sein, dass das nicht
nur eine Frage des Wollens ist.

„Wollen“ ist ohnehin ein schwieriger, vielschichtiger Begriff.
Auf der einen Ebene betrachtet will der Depressive gesund
werden - auf der anderen Ebene will er genau das nicht, weil
das einen schmerzhaften Prozess für ihn bedeutet. Deswegen ist
es immer schwierig zu sagen, jemand will dies oder das. Und
deswegen ist es in der Tat keine Frage des Wollens - und
gleichzeitig dennoch eine Frage des Wollens, nur auf einer
anderen Ebene.

Ja, das ist ja die Crux - schön auseinandergedröselt!

Viele Grüße,

Jule

Hallo Max,

freut mich, dass wir nicht gar so uneinig sind!

Genauso ist es. Ich habe kein besseres Wort gefunden.
Vielleicht „Innensicht“ und „Außensicht“?

Das trifft es doch genau!

Es geht doch darum: Der Depressive ist handlungsunfähig - aber
gleichzeitig auch der einztige, der an dieser Situation ezwas
ändern kann. Also handlungsunfähig und einzig
handlungsbefähigt zugleich.

Schön gesagt! Ich denke, genau aus diesem Dilemma entsteht dann manchmal der Suizid(-versuch): Es scheint keine Handlung mehr möglich, aber der Druck zu handeln ist riesig.

Lieben Gruß,

Jule

Hallo!

freut mich, dass wir nicht gar so uneinig sind!

Nein, sind wir nicht.

Schön gesagt! Ich denke, genau aus diesem Dilemma entsteht
dann manchmal der Suizid(-versuch): Es scheint keine Handlung
mehr möglich, aber der Druck zu handeln ist riesig.

Das ist eine Möglichkeit, ja.

Diese Innensicht-Außensicht-Problematik hat man mE in jedem psychologischen Kontext: Der Klient hat sich in seiner düsteren Innensicht verannt, und der Therapeut muss ihm vermitteln, daß noch eine andere Sichtweise möglich ist, dem „Ich kann doch nichts tun!“ ein „Doch, du kannst etwas tun!“ entgegensetzen. Und das ist eine Greatwanderung, weil sich da leicht der Klient nicht verstanden oder gar herabgesetzt fühlt: „Ja, der redet sich leicht! Wenn der in meiner Haut stecken würde.“

Gruß,
Max

Hallo!

Ja, Zustimmung! Leider betrifft die Gratwanderung ja nicht nur
die Begrifflichkeiten, sondern auch die Einstellung. Für
manche Depressive ist es auch ein wichtiger Lernprozess, sich
überhaupt zuzugestehen, krank und dadurch weniger
leistungsfähig zu sein.

Oh ja, da hast Du recht. Ich musste in meinem Leben auch erst einige Dinge akzeptieren, bevor ich sie verändern konnte. Das Gefühl, man MUSS jetzt auf Teufel komm raus auf der Stelle da was ändern macht die Blockade in der Regel nur noch schlimmer.

Ja, das ist ja die Crux - schön auseinandergedröselt!

-)

Gruß,
Max

Hallo,

Ich denke, genau aus diesem Dilemma entsteht
dann manchmal der Suizid(-versuch): Es scheint keine Handlung
mehr möglich, aber der Druck zu handeln ist riesig.

Ist es wirklich so?

Soweit ich es verstehe, gibt es bei einer Depression u. a. zwei wichtige Merkmale: die herabgesetzte düstere Stimmung und das Fehlen von Antrieb (der Depressive kann nicht wollen).
Wenn Du nun sagst, der Druck zu handeln sei riesig, wäre das im Widerspruch zum Antriebsmangel.

Aus diesem Grunde heißt es sogar, daß der depressive Zustand selbst sogar eher ein Schutz vor der Suizidalität sei und die Gefahr größer ist bei einer beginnenden Besserung. Z. B. wenn Antidepressiva zu wirken beginnen, und die antriebssteigernde Wirkung schneller da ist als die stimmungsaufhellende.

Bei Klaus Grawe z. B. findet man ganz gut zusammengefaßt, was in den letzten Jahrzehnten an neurophysiologischen Erkenntnissen gefunden wurde, und daraus entsteht ein Bild, daß die Depression eine Art Rückzugsmodus sei, bei dem das Vermeiden ganz im Vordergrund steht und kein Annäherungsverhalten stattfindet, also kein Zugehen auf „positive“ Ziele.

Grüße,

I.

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