Warum schaut man sich Horrorfilme an? Ab wann ists genug?

Hallo,

es gibt ja so „typische“ Slasher-Filme, wie z. B. Halloween, Scream, Texas Chainsaw Massacre, Hostel …

und auch so richtig üble, IMHO kranke, Filme, wie z. B. A serbian film, Irreversibel …

Und noch (leider) viele mehr, die dazu passen oder in anderen (Sub-)Genres zu finden sind, in denen es nicht „nur“ um einen sog. Mindfuck geht, sondern in denen bestialische (Psycho-)Gewalt gezeigt und zelebriert wird (Funny Games, Benny’s Video, Hereditary, Zimmer 1408, Identiät, Der Nebel, Saw, Martyrs, Oldboy …) - Sorry, falls da doch nicht alle Filme passen, aber ihr versteht, denke ich, um was es mir hier geht.

Ich kann solche Filme nicht gucken. Mir wird schon beim Lesen der Filminhalte schlecht und frage mich, ob ich jetzt zu zart besaitet bin, weil es im wahren Leben nun mal eine solche Scheixe gibt, oder sind andere, die sich sowas freiwillig mit offenen Augen und voller Interesse angucken, krank?

Klar, auch Bugs Bunny, Tom & Jerry, Bud Spencer & Terence Hill können schon too much sein, gerade als Zeichentrick für Kinder. Gewalttätig gehts da ja auch zu. Aber da gibts halt nur mal was auf die Mütze und in der nächsten Szene ist wieder alles heile.

Was veranlasst nun aber (uns) Menschen (mich und andere ja ausgeschlossen), solche Filme zu gucken? Neugier, Befriedigung gewisser Gelüste …?

Was ist (noch) normal und was ist definitiv absolut unnormal? Wann sollte man sich z. B. als Eltern Gedanken machen, wenn Kinder (im Jugendalter) sowas gucken (wollen)?

Was kann man nur an Gemetzel, Vergewaltigungen … „gut“ finden, dass man sich sowas frewillig anschaut? Kunst kanns ja hoffentlich nicht sein!? o_O

Wann sollte man mal zum Psychologen und, oder Psychiater, um sich mal durchchecken zu lassen?

Bin auf Eure Meinungen sehr gespannt.

Dankeschön.

LG

Hallo,

ich kann da nur für mich sprechen. Ich habe sehr viele entsprechende Filme gesehen und vor allem viele Romane solchen Inhalts gelesen. Und zumindest aus meiner Sicht schlagen die Bücher die Filme bei weitem.

Die meisten Filme sind nur plumpe Splatter- und Erschrecker-Videos. Einige sind richtig gut gemacht und erlauben einen Einblick in die dunklen Phantasien und Träume von Menschen (nein, nicht die Figuren im Medium, sondern der Autoren).

Das kommt doch sehr auf den einzelnen Betrachter und seinem Selbstverständnis der Definition dieser beiden Wörter an.Ich benutze das Wort „unnormal“ nur noch für die Beschreibung von Funktionen von Maschinen oder Programmen - also Dingen, die eine sehr genaue Beschreibung einer normalen Funktion haben.

Bei Menschen ist alles normal. Vielleicht selten. Vielleicht erschreckend für andere. Vielleicht strafbar. Vielleicht nicht logisch erklärbar. Aber doch normal. Der Mensch ist nun mal mindestens ein Stück weit irrational - manche mehr, manche weniger.

Oder anders gesagt: weil wir alle einzigartig sind, sind wir alle entweder normal oder alle unnormal. Und wer will sich das Recht heraus nehmen zu entscheiden, was normal und was unnormal ist?!

Ich habe sowas schon als Kind gesehen. Der schrecklichste Film war damals „Die Zeitmaschine“ - von den leuchtenden Augen der Morlocks hatte ich ein paar Nächte Albträume. Ich würde aber von mir behaupten, dass ich mich recht kompatibel zur restlichen Gesellschaft verhalte.

Wieder so eine Definitionsfrage: was definiert man selbst als Kunst?

Können die einen Menschen „durchchecken“? Ich habe mit diesem Berufsstand so meine Probleme. Man kann schon froh sein, wenn man Probleme mit sich und der Umwelt bemerkt, man einen findet, der einem zuhört und Empathie gegenüberbringt.

Grüße
Pierre

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Hallo,
also zu meiner Jugendzeit war „Tanz der Teufel“ das absolute Highlight. Manche schauten sich auch „Faces of Death“ an. Ich nicht, das war mir sogar als Jugendlicher schon zu abgefahren. Also das Grundprinzip von Filme schauen dient ganz klar der Unterhaltung. Wenn sich dann jemand im Erwachsenenalter solche Filme mit Genuss ansieht sollte er sich tatsächlich Gedanken machen, ob oder was bei ihm nicht stimmt.
Gruß

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Hallo,

ich finde, der wesentliche Unterschied liegt in der Realitätsnähe oder -ferne und der Position, mit der sich der Betrachter identifiziert.
Hänsel und Gretel z.B. ist auch Horror - ein Kind wird zwecks Verzehr gemästet, schließlich die Entführerin im Ofen verbrannt.
Oder die Monsterfilme (Riesenspinnen, -ameisen etc., Godzilla, Aliens usw.). Da ist immer klar, das ist nicht Real. Man darf sich in Ruhe fürchten und erschrecken, es ist alles nicht echt.
Und die Personen, mit denen man sich identifiziert, sind die überwiegend Guten, die am Ende natürlich gewinnen und die Ordnung wieder herstellen.

Ganz anders wirken Berichte über echte Fiesheiten und sehr realistisch gemachte Filme. Wer sich eine echte oder echt wirkende Quälerei mit Genuss anschaut (oder liest etc.), in diesem Fall dann eher mit Idendifikation mit dem Täter, hat vermutlich schon Probleme, die mir Sorgen machen würden. Kinderpornographie ist z.B. auch sowas.

Gruß,
Paran

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Sie können das, aber immer nur mit Bezug auf ein konkretes Ziel oder eine konkrete Fragestellung, vgl. MPU oder medizinische Gutachten bei Gericht. So wie jeder andere Arzt auch immer mit Bezug auf einen bestimmten Anlass oder ein bestimmtes Ziel untersucht.

Wenn @carrieg zum Psychologen oder zum Psychiater kommt (das sind zwei wenn nicht gänzlich, dann doch mindestens sehr verschiedene Funktionen und Qualifikationen), wird er sicherlich gefragt werden, was ihn zu jenem führe. Und das ist bereits Teil der Exploration.

Schöne Grüße

MM

Ein Videothekinhaber erzählte mir einmal, dass junge Frauen die Hauptkundengruppe für Horrorfilme sind. Evolutionär gesehen gibt es durchaus Sinn, sich solche Filme anzusehen denn - genau wie bei Träumen - hilft es, wenn eine Situation schon einmal ohne echte Gefahr miterlebt wurde um im Ernstfall richtig reagieren zu können.

Auch gehen Menschen ganz gerne an ihre (psychischen) Grenzen um sich selbst einschätzen zu können - und dies im Wohnzimmer bei einem Horrorfilm zu tun ist ungefährlicher als mit 250 über die Autobahn zu rasen oder diverse Substanzen zu konsumieren.

Einige mögen auch das eigene Leben mehr schätzen wenn sie sehen wie schlimm es anderen ergeht.

Mir fällt zu dem Thema nur die Aussage von Erich Fromm ein:
Die zerstörerischen Tendenzen nehmen meines Erachtens heute deshalb so zu, weil die Langeweile wächst, weil die Sinnlosigkeit des Lebens wächst, weil die Menschen ängstlicher werden, weil sie keinen Glauben an die Zukunft und keine Hoffnung haben.

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Hallo,

ältere Menschen meinen immer, früher wäre alles besser gewesen.
Aber Geschichten und Märchen werden schon sehr lange erzählt und da gibt es durchaus Horror, Mord und Totschlag. Auch religiöse Überlieferungen wie Geschichten aus der Antike oder die Bibel strotzen doch nur so von fürchterlichen Geschichten und in der Odyssee kommen prima Monster vor.

Es befriedigt offenbar ein Bedürfniss des Menschen, da finde ich Desperados Erklärungen recht schlüssig. Vermutlich hat man sich schon in der Steinzeit Horrorgeschichten von Jagden auf gefährliche Tiere oder Erlebnisse mit heftigen Stürmen usw. erzählt (und sicher wurden die Geschichten von mal zu mal etwas schlimmer).

Gruß,
Paran

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Kann es sein, daß hier eine Verwechslung vorliegt?

Meinst Du mich oder Erich Fromm?

Hallo,

von wem ist denn der Spruch?

Gruß,
Paran

Habe ich doch geschrieben: Erich Fromm, einer der besten, wenn nicht sogar der beste, Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts.

Es war einmal vor uralten Zeiten - da gab es in diesem Brett hier mehrfach sehr ausgiebige Diskussionen zu ganz ähnlichen Fragestellungen. z.B. eine 2004 und eine 2006. Da ich die Argumenation von damals nicht einfach wiederholen will, hier die Links dazu:

Thema „Zuschauer bei Hinrichtungen“ (2004) mit (unter anderem) meinem Beitrag → „Grauen als Faszination

Und Thema „Tiefe zieht mich an“ mit meinem Beitrag → „Faszination Tiefe

Beide Male eine Argumentation mit dem Hinweis auf die Ambivalenz bzw. Koinzidenz von Faszination und Schrecken, eine anthropologische Konstante, auf die Rudolf Otto 1917 (als „faszinosum“ und „tremendum“) in seiner Abhandlung „Das Heilige“ zuerst verwiesen hatte (allerdings damals nicht in einem psychologischen, sondern religionsphilosophischen Kontext).

Francis F. Coppola hatte es in seinem Film „Apocalypse Now“ (1979) und vor allem in seinen Kommentaren dazu ebenfalls zum Thema gemacht.

Gruß
Metapher

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Hi, interessantes Tema. Was hat er denn dazu geäußert?
Interessant wären auch die Meinungen von Grossmeistern des Genres wie z.B Stephen King, Hitchcock, Ridley Scott etc.Gibt’s da mehr?

Ich persönlich kann mit Horrofilmen auch nichts anfangen. Ich fühle mich danach tagelang unwohl und kann absolut keinen Gewinn daraus ziehen. Allerdings erinnere ich mich schon daran, dass ich die in meiner Jugend mit Freundinnen gerne geschaut habe. Es war einfach dieser Kick die Filme gemeinsam anzusehen und sich dann auch gemeinsam zu gruseln. Das hat auf jeden Fall zusammengeschweißt und die Freundschaft noch enger gemacht. Ich denke also dass es zum erwachsenwerden dazugehört und ganz normal ist :slight_smile:

Das hast Du wunderschön formuliert,

:heart:

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Gewagte These angesichts der Tatsache das wir in Mitteleuropa seit über 75 Jahren nicht mehr versucht haben uns gegenseitig umzubringen und das die Häufigkeit von „Gewaltkriminalität“ deutlich geringer ist als z.b. vor 50 Jahren…

Ich sehe da keinen Widerspruch. Aggression muss ja nicht immer in körperliche Gewalt gegen andere ausarten. sie sucht sich ihre eigenen Wege Eigenaggression (Horrorfilme, Selbstzerstörung usw.) Und haufenweise psychische Störungen (die Psychotherapeuten sind schon gar nicht mehr in der Lage den Ansturm zu bewältigen).
Aber auch private Massenmorde sind zumindest heutzutage viel offensichtlicher (vielleicht tatsächlich auch häufiger) als vor 50 Jahren.

Die Justiz und Polizei behandelt nur die Symptome, die ihr gemeldet werden. Alles andere außerhalb dieser Blase wird mehr oder weniger bewusst ignoriert.

Der dunkle Abgrund, der in jedem von uns lauert, enthält vieles was wir erst bemerken, wenn die Katastrophe schon da ist.

Ja und nein.

Die psychischen Störungen gab es schon immer sie wurden nur vor 50 Jahren einfach nicht behandelt und ich wage es zu bezweifeln das die Bevölkerung die den 2. Weltkrieg bewusst miterlebt hat daraus ohne größere psychischen Schäden hervorgegangen ist

Wenn es regnet spanne ich einen Schirm auf, aber wenn ich einen Schirm aufspanne, fängt es nicht zwangsläufig an zu regnen, es gibt allerdings zu diesem Thema (Medienkonsum) etliche wissenschaftlichen Arbeiten die zu einem anderen Schluss kommen als du.

Im Endeffekt dürfte es wohl sehr individuell sein.

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Das könnte daran liegen, dass wir es beim letzten Mal so schlimm getrieben haben, dass es bis heute gereicht hat. Wenn ich z.B. sehe, wie hier beim Ukraine-Krieg mehr über das Gewinnen oder Verlieren als über Optionen zur Beendigung der Gewalt geredet wird, dann habe ich den Eindruck, als ob dieses Guthaben aufgebraucht ist. Auf lange Sicht ändern die Menschen sich nicht. Momentan wiederholen wir gerade die Geschichte von vor 100 Jahren, obwohl wir jetzt bereits wissen, wo das hin führt.

Wenn ich sowas lese hab ich das auch, denn es gibt exakt eine Option, Russland beendet den angekündigten Völkermord an den Ukrainern und verlässt ukrainisches Staatsgebiet.

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