Ich will umsatteln, wer hat Tipps?

Seid 10 Jahren arbeite ich nun bei einer Bank. Ich habe mich damals für den Beruf des
Bankkaufmannes entschieden, weil ich dachte, dass mir der Umgang mit Menschen und die
Arbeit im Büro Spaß machen würde.

Das ist heute immer noch so, aber die Banktätigkeit ist wohl doch nicht das was ich machen
möchte. Ich habe schon gleich bei der Lehre gemerkt, dass ich es wahrscheinlich nicht schaffe
in diesem Beruf. Damals wollte ich jedoch nicht abspringen und neu anfangen ohne eine
fertige Berufsausbildung. Außerdem dachte ich, wenn ich es mal geschafft habe, fragt keiner
mehr wie.

Mittlerweile sind nun 10 Jahre vergangen und ich merke, dass ich immer unglücklicher werde.
Da ich es nie geschafft habe motiviert etwas dazuzulernen, bin ich immer das letzte Glied in
der Kette. Vorteile habe ich nur in den Bereichen, wo ich frei und eigenständig arbeiten kann.
So kenne ich mich z.B. relativ gut mit dem Internet aus und arbeite viel am Computer. Auch
Homepages habe ich schon viele erstellt. Immer wenn nun solche Dinge gefragt sind kann ich
auftrumpfen. Ansonsten aber leider nicht. Mittlerweile drückt mir diese Tatsache dermassen
aufs Gemüt, dass ich etwas ändern muß.

In meiner Freizeit bin ich nun seid einigen Jahren Jugendbeauftragte unseres Sportvereins. In
dieser Funktion habe ich schon mehrere „Großprojekte“ sehr erfolgreich umgesetzt. Unter
anderem eine Versteigerung von Promiartikeln wo es mir gelang 40 berühmte Personen von
Steffi Graf und Schalke 04 über David Couthard und Frankfurt Galaxy bis hin zu Roger
Withaker und Udo Jürgens zu überzeugen uns einen persönlichen Gegenstand zu schenken.
Dann habe ich ein Fantreff für Animefans (japanische Zeichentrickkunst) organisiert zu dem
Leute von Stuttgart bis Kiel aber auch aus Österreich und der Schweiz zu uns ins Saarland
kamen. Mein letztes Großprojekt war eine Lanparty für 120 Personen.

Alle diese Projekte waren nicht nur was die Presse angeht erfolgreich, nein auch finanziell
kann man bei allen Events von einem Erfolg sprechen. Vor etwa 1 1/2 Jahren wurde daher
auch unser Kulturverein auf mich aufmerksam und fragte ob ich nicht Lust hätte bei einem
Bürgerradio für unsre Stadt mitzumachen.

Anfangs ging es vorallem darum, ob ich den Raum in der Turnvereinsimmobilie auf und zu
sperre, wenn die Radioleute kommen. Mittlerweile plane ich die Sendung, produziere sie
hauptamtlich und moderiere und ich kümmere mich auch um den Marketingbereich und die
Sponsoren. Nebenbei habe ich begonnen den Radioschein der Landesmedienanstalt Saarland
zu machen und hatte hier bereits die Kurse:" Einführung in Cutmaster", „Interviewtraining“,
„Texten und sprechen im Radio“ und „Internetrecherche“. Nebenbei habe ich in unsrer
Aussenwerkstatt die Schnitttechnik „Wavelab“ mit der ich mittlerweile meine komplette Senung
bearbeite und fertigstelle.

Bei all diesen Tätigkeiten habe ich gemerkt, dass ich Organisationstalent und
Führungsqualitäten besitze. Und an einem fehlt es mir auch nicht; an Kreativität nämlich. Ich
habe ständig so viele positive Ideen in meinem Kopf, dass ich manchmal regelrecht
Kopfschmerzen bekomme.

Auf der Bank kann ich diese Kreativität aber nicht abbauen und da ich ein Mensch bin der
auch handelt und nicht nur Reden schwingt will ich das natürlich alles in die Tat umsetzen. Oft
fange ich dann an in den Pausen Gedichte zu schreiben für mich oder für Familienfeiern
andere Leute.

Alle diese Fähigkeiten müssen sich doch in einem neuen Berufsbild wiederfinden. Es muß
doch eine Möglichkeit geben den Bankjob an den Nagel zu hängen ohne gleich auf der Straße
zu stehen. Auf das Geld bin ich nämlich angewiesen. Gut ich verdiene bei der Bank keine
Millionen aber ich habe immerhin 2800,-- DM netto durchschnittlich im Monat, wenn ich Urlaub
und Weihnachten dazuzähle.

Ich bin mir natürlich bewußt, dass es kurzfristig eng werden kann und vorallem bin ich mir im
Klaren darüber, dass ich ohne Fortbildung keine Chance habe. Aber ich bin mir auch sicher,
dass ich bei der Bank auf Dauer nicht existieren kann. Durch einen Unfall vor 5 Jahren hat
meine Psyche auch gelitten und eine berufliche Unzufriedenheit ist da nicht besonders
förderlich.

Meine Frage ist nun, welche Möglichkeiten seht Ihr und welche Erfahrungen habt Ihr gemacht.
Vielleicht habt ihr ja ein paar Tipps für mich.

Vielen Dank

Michaela

Hallo Michaela,

Veränderungen im beruflichen Werdegang, auch ein Neuanfang auf ganz anderem Gebiet, bieten Dir Perspektiven mit ganz neuem Lebensgefühl. Allemal besser, als sich in einem ungeliebten Umfeld über die Runden zu quälen. Lt. Vika bist Du 27 Jahre alt, mit Verlaub, ein junges Küken. Dir steht alles offen. Du sollst immerhin noch fast 40 Jahre arbeiten. In meinem Umfeld gibt es mehrere Menschen, die gerade dabei sind, aus ähnlichen Gründen wie bei Dir, ihr berufliches Leben ganz neu zu organisieren. Eine Freundin, 36 Jahre alt, holt gerade ihr Abitur nach, um danach zu studieren. Wenn das alles geschafft ist, wird sie Mitte 40 sein. Na und? Eine Freundin ist 46 Jahre alt und steckt in den klinischen Semestern ihres Medizinstudiums. Sie wird 50 sein, wenn sie als Assistenzärztin fertig ist. Ein anderer, den ich sehr gut kenne :smile:, ist 51 Jahre alt und kommt jetzt auf die Idee, zu promovieren. Er wird damit fertig sein, wenn seine Altersgenossen an den Vorruhestand denken. Von solchen Leuten kenne ich mehr und keiner hat es je bereut.

Irgendwann bemerkt man (wenn man Glück hat), wie hohl es ist, nur im alten Trott weiterzumachen, nur dem Geld hinterher zu jagen, wenn dabei die eigenen Fähigkeiten auf der Strecke bleiben.

Du hast nun zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten:

  1. Du kannst auf Deinem erlernten Beruf aufbauen
    oder
  2. Du orientierst Dich ganz neu.

Wirf die Frage der Finanzierung jetzt noch nicht auf. Das ist ein eigenes Problem, es ist aber immer lösbar, sofern Du Deine Ansprüche an die Situation anpaßt und nicht noch andere Menschen zu versorgen hast.

Zu 1. Bei den Banken wird nach meiner ganz persönlichen Einschätzung niemand mehr sehr alt, der Dienst am Tresen in der Filiale schiebt. Langfristig (wieder nur meine persönliche Einschätzung) werden die Banken einen ganz neuen Typ von Mitarbeiter brauchen, nämlich Mittelstandsbetreuer, die kommunizieren können, die betriebliches Geschehen verstehen können. Die Kleiderständer mit vertiefter Kenntnis der Prozentrechnung werden nicht mehr reichen. Hochkarätigeres mit eigenem Urteilsvermögen wird angesagt sein. Die Verbände der Banken und Sparkassen unterhalten eigene Fortbildungsinstitute. Mach Dich dort schlau über das Angebot.

Zu 2. Das unendliche Feld beinahe aller Berufe und Tätigkeiten liegt Dir zu Füßen. Öffentlichkeitsarbeit, Pressearbeit, Rundfunk - mir fällt spontan ein Volontariat bei einem Sender ein. Oder ein einschlägiges Studium. Du wirst Kontakte geknüpft und Leute kennengelernt haben, nutze das hemmungslos aus.

Zur Finanzierung: Das Einfachste ist ein Halbtagsjob mit welchem Zeitmodell auch immer bei Deinem bisherigen Brötchengeber.

Viel Glück dabei!

Gruß
Wolfgang

Hallo Michaela

Ich kenne das Gefühl das Du zurzeit hast. :smile:

Ich bin auch gerade dran mich umzusatteln. Und vor 4 Jahren hatte ich schon mal umgesattelt, aber ich bin der Meinung, in Zukunft wird es sowieso nicht mehr viele Menschen geben, die ihr ganzes Leben lang im selben Beruf arbeiten.

Ich komme auch vom kaufmännischen Bereich und wechselte dann in die Informatik. Heute weiss ich, dass die Informatik nichts für mich ist. Ich bin zwar gut im programmieren, aber nicht so gut wie ich möchte (das ist mein hoher Anspruch an mich selber) und ich habe auch kein Interesse mehr, darin wirklich gut zu werden. Ich liebe es nicht mehr zur Arbeit zu gehen, das heisst für mich eine Änderung muss her! :smile:

Ich schreibe Dir eigentlich, da ich genauso wie Du, ein Flair fürs Organisieren und das Führen von Menschen haben. Auch wenn ich erst 23 Jahre alt bin, spüre ich das bereits jetzt in mir pochen.

Ich werde mich jetzt so umorientieren, indem ich mir einen Temporärjob suchen werde um die Phase der Neuorientierung zu überbrücken. (Ich wechsle gleichzeitig auch den Wohnort und das kommt noch als ‚Hürde‘ zum Jobwechsel dazu)
Ausserdem kann ich mich nicht auf ein typisches Berufsbild einschränken und muss da noch tiefer in mir graben um rauszufinden was ich wirklich machen möchte. Ich mache soviele Tätigkeiten gerne, die aber meiner Meinung nach schwierig miteinander zu kombinieren sind…
Am liebsten wäre ich selbständig (ich weiss aber noch nicht als was) oder dann hätte ich gerne 2 Jobs gleichzeitig, da ich Abwechslung so brauche, und vielleicht wird es auch auf das hinauslaufen.

Ich möchte Dir Mut machen, den Schritt zum Wechsel zu machen, denn dieser setzt wie Wolfgang schon beschrieben hat, enorme Kräfte in Dir frei! Es ist genial und so befreiend.

Ich habe nie bereut, dass ich in die Informatik umgestiegen bin, doch ich werde jetzt auch nicht bereuen, dass ich wieder aus der Informatik aussteigen werde. Die Erfahrungen kann mir keiner nehmen. :smile: (Ich finde es manchmal krass, wenn ich sehe wieviele Menschen einen Einstieg in die Informatik suchen, und ich habe das Glück in der Informatik zu sein, und suche bereits wieder einen Ausstieg…)

Vielleicht könntest Du ja auch in einer Event-Agentur oder ähnliches einsteigen? Das wäre sicher was für Dein Organisationstalent. Später dann selbständig in diesem Bereich eine Nische besetzen und dann hast Du auch was für Dein Führungspotential.
Hier in der Schweiz gibt es eine neue Ausbildung zum Event-Manager. Ich weiss nicht, ob ihr in Deutschland etwas ähnliches habt?

Viel Glück und alles Gute
Tanja

Vielen Dank für diese netten Worte :smile: ich würde auch gern eine eigene Firma haben, aber ich weiß nicht, ob ich das Durchhaltevermögen besitze, gerade am Anfang gibt es da ja sehr oft Durststrecken…

Gruß Michaela

Hallo Michaela,

und bei deiner Bank mal nachfragen, ob sie so etwas wie dich braucht ? Ihr habt doch sicher eine PR-Abteilung.
Ruf doch mal den Chef der entsprechenden Abteilung an. Vielleicht kämpft er ja gerade um so eine Planstelle.

Tschuess Marco.